Sicherheit und Sicherheitsstreben – Auslöser von Zielkonflikten und Zwangsgefühlen

Das Streben nach Sicherheit ist natürlich. Pausenlose Sicherheit ist nicht zu erreichen.
Das Streben nach Sicherheit ist natürlich. Pausenlose Sicherheit bleibt ein Sehnsuchtsziel (der Begriff Sehnsuchtsziel stammt von Dr. Gunther Schmidt, Heidelberg). 

Unerfülllte Sehnsucht nach Sicherheit – einer der Auslöser von Zwängen

Sicherheit zu finden und zu behalten ist eines der Grundmotive für das Handeln bzw. Verharren von Menschen. Auf verschiedene Weise versuchen Menschen, Sicherheit zu erlangen:

  • Menschen fliehen vor Gefahren – eine Von-weg-Handlung. Meist ohne Ziel. Wer aus einem brennenden Haus läuft oder vor einem wilden Tief flieht, hat kein sorgfältig planbares Ankunftsziel.
  • Andere ziehen sich aus dem Leben zurück, vermeiden die Teilnahme am Leben, am öffentlichen Personen-Nahverkehr, an sozialen Aktivitäten, an der Öffentlichkeit.
  • Der Wunsch nach Vergewisserung, dass alles in Ordnung ist, zählt zu archaischen, lebenserhaltenden Grundintentionen eines jeden Menschen. Auch im Tierreich führt natürliches Sicherheitsstreben zu basalen (grundsätzlichen) Handlungen, etwa das Aufnehmen der Witterung oder die Flucht vor Raubtieren und Naturereignissen.

Was hat Sicherheitsstreben mit der Entstehung von Zwängen zu tun?

Genau genommen ist es nicht das Sicherheitsstreben selbst, das zur Entstehung von Problemen führt. Es ist der empfundene Mangel an dauerhafter Sicherheit, der Menschen in eine große emotionale Not bringen kann. Bei so gut wie allen Menschen, die bei sich das Auftreten von Zwängen beschreiben, ist eines von zwei Grundthemen in der Lebensgeschichte zu erkennen:

  • Die Sicherheit im Leben ist plötzlich weggebrochen – durch Trauma, Krieg, Unfall, elementares Verlusterlebnis
  • Sicherheit im Leben war noch nie gegeben, etwa durch die Geburt in den Wirren eines Krieges oder einer dysfunktionalen Familie (z. B. Kriegstraumatisierte, Alkoholiker usw.)

Ereignisse, die den Schutz vor Verletzungen und Lebensbedrohung in Frage stellen, können einen fortwährend empfundenen Mangel an Sicherheit entstehen lassen. Auch wenn jemand in einem sicheren Sessel sitzt, umgeben von Sicherheitsleuten und mit dem Blick auf eine nach allen Seiten abgesicherte Umgebung – auch dann kann höchste Unsicherheit erlebt werden. Weil ein empfundener Mangel an Sicherheit besteht.

Was heißt „empfundener Mangel“ an Sicherheit?

Wie können Menschen einen Mangel an Sicherheit erleben, ohne dass dieser von außen betrachtet „objektiv“ besteht?

Hierzu lohnt es sich, einen Blick auf die Ego-State-Konzepte (entwickelt von John und Helen Watkins) zu werfen, die in der Ego-State-Therapie zur Anwendung kommen, auch bei der EMDR-Therapie.

Das Konzept der Ego-State-Therapie (lat. ego ich und englisch state für „Zustand“) beschreibt, wie traumatisierte Menschen einen verletzten Anteil der Persönlichkeit regelrecht auslagern, um weiterleben zu können.

Was heißt das?

Ego-States können Sie sich so vorstellen:

  • Ein Mensch erlebt z. B. eine Demütigung, einen verbalen oder physischen Angriff oder eine anderweitige grundsätzliche Infragestellung seiner Person, seines Lebens. So etwas kann auch dauerhaft der Fall sein, etwa in Situationen von Gefangenschaft.
  • Es braucht nicht einmal ein von außen sichtbares Drama. Auch das Fehlen von Ordnung und Sicherheit von Geburt an kann ein dem Trauma ähnelndes Erleben auslösen, z. B. körperliche oder seelische Verwahrlosung in einer dysfunktionalen Familie.
  • Die elementare Erfahrung von Bedrohung und Unsicherheit kann so schmerzvoll sein, dass ein dauerhaftes Wiedererleben und Wahrnehmen der Verletzung nicht erträglich wäre.
  • In vielen Situationen erhält eine traumatisierte Person im oder nach dem Moment der Verletzung keine Zuwendung und keinen Schutz.
  • Wenn eine traumatisierte Person keinen Schutz und keine aktualisierenden Sicherheitsinformationen erhält, etwa „Die Gefahr war eine Ausnahme, Du bist jetzt in Sicherheit, nun ist die Gefahr vorüber, wir sorgen gemeinsam für besseren Schutz und für Widerstandskraft gegenüber solchen Gefahren“ – dann kann es zur Abspaltung des verletzten Persönlichkeitsanteils kommen.
  • Die verletzte Seite bzw. der Persönlichkeitsanteil der traumatisierten Person lebt in ihrer eigenen Welt, während andere Persönlichkeitsanteile gerne beim Einkaufen aktiv wären, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Familie.
  • Für das Gehirn hat diese Funktionalität einen grundsätzlich sinnvollen Aspekt. Denn es ist ein Weiterleben möglich, auch wenn es einen Persönlichkeitsanteil  gibt, der weiterhin in einer Notsituation lebt.
  • Im Alltag jedoch ergeben sich massive Zielkonflikte, wenn z. B. ein Mensch von seinem Verstand her gerne an einer Veranstaltung teilnehmen würde, eine Seite in ihm aber die Gesellschaft von Menschen als gefährlich einstuft, weil Menschen beleidigend wirken oder verletzend (in der Welt der traumatisierten Seite).

Zusammenfassung Ego-State und Entstehen angeblicher Zwänge

Elementarer Verlust von Sicherheit und das Fehlen von Sicherheit können dazu führen, dass ein Mensch einen Persönlichkeitsanteil abspaltet, der rund um die Uhr im Hintergrund mit allen Mitteln versucht, vollkommene Sicherheit herzustellen. Da dies unbewusst geschieht, können die Betroffenen, ihre Angehörigen und Therapeuten nicht nachvollziehen, welche Dynamik aktiv ist. Von außen betrachtet wirkt es unsinnig, wenn jemand die Dinge ständig kontrollieren will. Innerhalb des Systems wird es als logisch und lebenserhaltend erlebt. Jedes Arbeiten gegen diese starke Dynamik der versuchten Sicherheitsherstellung scheitert aus natürlichen Gründen. Dieses Scheitern wird oft mit zwanghaftem Verhalten verwechselt. Die sicherheitssuchende Seite wird ständig erneut in Frage gestellt. Es entsteht ein Kreislauf steigender Not. Gegen diese Not können natürlicherweise auch Psychopharmaka nicht ankommen.

Das Streben nach vollkommener, umfassender und andauernder Sicherheit stabilisiert das Zwangs-Phänomen

Im Leben gibt es keine andauernde und umfassende Sicherheit. Die einzige Gewissheit besteht darin, dass nichts bleibt wie es ist.

Systeme entstehen und vergehen. Menschen entwickeln sich und altern. Sekunden, Stunden, Tage vergehen. Dies hier soll kein gedanklicher Ausflug in die Philosophie sein. Es geht um rein praktische Umstände, die auch anhand der Jahresringe im Baumstamm zu sehen sind. Objektive Beweise für die Veränderung der Welt gibt es genug. Diese aber erreichen Menschen oft nicht, bei denen das Leben für einen Moment angehalten wurde: durch einen Unfall, ein Trauma oder Drama. Ein „weiter so“ ist so wenig praktikabel wie ein „Schwamm drüber“ – weil beides die Fähigkeit des Gehirns ignorieren würde, sich zu erinnern und zu lernen.

Natürlicherweise wird eine Gefahr auch dauerhaft als Gefahr eingestuft

Es ist eine Fähigkeit und selbstverständlich kein Mangel und auch keine Störung, wenn ein Mensch einem dramatischen Ereignis oder Zustand einen dauerhaft hohen Stellenwert gibt. Wenn Menschen von außen kommen – Therapeuten, Familie usw., die Normalität einfordern, so ist das nachvollziehbar. Das Rufen nach Normalität bringt aber nichts, bevor eine elementare Voraussetzung für geschaffen wird: die Anerkennung der Ausnahmesituation und die dauerhafte Zuwendung zu dem Persönlichkeitsanteil, der sich immer an die Verletzung erinnern kann und wird. Erinnerungen – auf der körperlichen wie auf der seelischen Ebene – lassen sich nicht löschen. Aber es ist sehr gut möglich, mit den Erinnerungen zu arbeiten.

Der Zielkonflikt: 100-Prozent-Sicherheit bei Anwesenheit in einer nicht sicheren Welt

Auf der rationalen Ebene leuchten Tatsachen wie die hier beschriebenen ein:

  • Keine Liebesbeziehung kann streitfrei sein
  • Nichts im Alltag ist keimfrei – draußen wie drinnen
  • Keine Ehe ist zu 100 Prozent sicher
  • Kein Arbeitsplatz ist auf alle Zeiten garantiert
  • In jedem Leben kommt es zu Erkältungen und auch ernsteren Krisen

Was entwickelt sich aus Zielkonflikten?

Sehen wir uns die oben beschriebenen Beispiele näher an. Was erleben und unternehmen Menschen, die trotz der Unsicherheiten im Leben versuchen, vollkommene Sicherheit zu erlangen?

Keine Liebesbeziehung kann streitfrei sein

Häufig kommt es zu Trennungen, weil Paare den Verlust ihrer Anfangsverliebtheit bemerken. Die einzige Sicherheit, die jemand durch eine Trennung erlebt, ist die Tatsache: Wir sind nicht mehr zusammen.

Nichts im Alltag ist keimfrei – draußen wie drinnen

Der Anspruch, garantiert frei vom Einfluss durch Mikroorganismen zu sein, verlangt theoretisch ein Verharren zu Hause unter fortwährender Verwendung antiseptischer Reinigungsmittel. Die möglichen Folgen sind bekannt. Menschen, die sich mit andauerndem Händewaschen und Putzen abquälen, verspüren tief in sich oft die Sehnsucht, endlich einmal und dann aber für immer alles wirklich sauber und keimfrei zu haben. Der Zielkonflikt führt zum Erleben häufig großer Not.

Keine Ehe ist zu 100 Prozent sicher

Das Kontrollieren der E-Mails, SMS und WhatsApp des Partners würde doch keinen Blick ins Herz des anderen ermöglichen. Menschen, die ihre Partner zu kontrollieren versuchen, verlieren nach und nach das Vertrauen in die Welt.

Kein Arbeitsplatz ist auf alle Zeiten garantiert

Verzicht auf Urlaub, Dienst nach Vorschrift, das Versenden einer jeden E-Mail in Kopie an einen Verteiler von Vorgesetzten – all das bietet natürlich keinen Sicherheitsgewinn, im Gegenteil. Wer es dennoch unternimmt, sich rund um die Uhr als loyal und grenzenlos leistungsbereit gegenüber anderen zu präsentieren, verliert die Loyalität gegenüber sich selbst. Häufig wird der Zustand dann als Burnout-Syndrom bezeichnet. In Verbindung mit Zwängen und Depressionen. Von außen wirkt die Diagnose schlüssig. Dahinter liegt ein massiver Zielkonflikt.

In jedem Leben kommt es zu Erkältungen und auch ernsteren Krisen

Grippeimpfungen und der Abschluss von Versicherungen gegen alles Denkbare und Undenkbare sowie das überwiegende Leben in den eigenen vier Wänden – all das ändert nichts an der Existenz von Risiken, sich Infektionen einzufangen oder in eine Krise zu kommen, z. B. hinsichtlich der Berufs-oder Partnerwahl. Wer ein krankheitsfreies und krisenfreies Leben verlangt, erzeugt damit einen inneren wie äußeren Konflikt. Die Welt und das Leben spielen hier nicht mit.

Sicherheitsstreben und die Entstehung von Zwangs-Symptomatik – Zusammenfassung

In einer bewegten Welt, die sich ständig weiterentwickelt, ist das Streben nach der Sicherheit vom Fortbestand bekannter Gegebenheiten eine Illusion. Wer es trotzdem unternimmt, Sicherheit im Sinne von Identität (Gleichsein und Gleichbleiben) von Gegebenheiten zu bekommen und zu bewahren, zahlt dafür einen hohen Preis. Ich kann heute nicht mit exakt derselben Ehefrau reden wie mit jener, der ich gestern eine gute Nacht wünschte. Ich komme zwar an denselben Ort, aber mein Arbeitsplatz hat sich verändert, vielleicht unmerklich, aber er hat sich verändert. Bereits diese Unsicherheiten zeigen, dass es zu großen Verwerfungen führen kann, wenn jemand die immer neuen Realitäten des täglich neuen Lebens in Abrede stellt.

Viele Menschen sehen auf der Basis ihres aktuellen Wissens aktuell nur den Rückzug vor dem Leben. Das hat einen hohen Preis.

Ausstieg aus dem Selbstkonzept von der 100-Prozent-Sicherheit

Es gibt gute Wege, beim Anspruch nach absoluter Sicherheit mit sich selbst in eine Verhandlung zu gehen. Mehr zur erweiterten Sicherheit finden Sie in Kürze auf dieser Internetseite.

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